Freitag 22. Mai 2009 von Matti
Bremen, an einem x-beliebigen Tag. Eine junge Mutter hieft den Kinderwagen in die Straßenbahn. Und in weiter ferne rennt ein weiterer potentieller Fahrgast in Richtung Haltstelle. Doch kaum ist die Mutter drin, schließen sich die Türen und ich sehe, total ausser Atem und mit hochrotem Kopf, die Straßenbahn wegfahren.
Bremen, zum Kirchentag. Eine junge Mutter hieft den Kinderwagen in die Straßenbahn. 3 Leute fragen ob Sie helfen können. Die Mutter verneint dieses. “Sonst hilft mir ja auch keiner”. Von weite rennt ein weiterer potentieller Fahrgast in Richtung Haltestelle. Ein Servicemitarbeiter der BSAG streckt spontan seinen Arm aus um die Sicherheitslichtschranke zu unterbrechen und so dem herannahenden Menschen die Mitfahrt zu ermöglichen. Ich sitze in der Strassenbahn mit hochrotem Kopf, weil ich mir denke: “Warum nur jetzt?”
Die Stadt zeigt also den Besuchern sein freundlichstes Gesicht. Auch den Bloggern von Radio Bremen fällt dieses auf:
Die ganz große Kugel wird aber woanders geschoben: auf dem Bahnhofsvorplatz. Noch vor kurzem hatte die BSAG beim Flugtag einigermaßen gepatzt[...]
Wer sich spät abends auf den Bahnhofsplatz begibt, erlebt aber etwas vollkommen anderes. Dass sich der öffentliche Personennnahverkehr dauerhaft am Rande des Abgrunds bewegt, erkennt auch der Laie sofort. Aus allen Himmelsrichtungen rauschen Straßenbahnen heran, an jeder Einfahrt warten einige Züge darauf, zu den Bahnsteigen vorzudringen. Dazwischen laufen Unmengen von Menschen herum. Sie quetschen sich hemmungslos zwischen stehenden oder anfahrenden Fahrzeugen durch, watscheln in aller Seelenruhe quer über Gleise und Trassen, bilden unendliche, unauflösbare Ströme. Der Begriff “Verkehrsinfarkt” schwebt über dem Bahnhofsplatz [...]
Aber die BSAG hat ihren Engeln befohlen, Fahrzeuge und Menschen zu behüten auf allen ihren Wegen. Die Engel tragen quietschgelbe Signaljacken mit der Aufschrift “Wir informieren” und sind in Wirklichkeit gestandene Herren mit unendlicher Geduld und einer Sozialkompetenz, die eingeborene Bremer der BSAG niemals zusprechen würden. Dem knarzigen Kasernenton, den die Fahrer in ihren Wagen sonst gern pflegen, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen läuft, setzen die Info-Engel Charme und volles Wissen entgegen. Mein Versuch, einen der Engel zu fragen, wie oft er denn schon nach dem Weg gefragt wurde, schlägt immer wieder fehl – in einer Minute wird er von 18 Menschen um Hilfe gebeten, die er auch 18 Mal präzise parat hat. Andere Gelbjacken sorgen mit Trillerpfeifen sanft, aber bestimmt für freie Bahn für die BSAG-Flotte, die im Sekundentakt ein- und ausfährt, in Richtung Bahnhof kaum besetzt, vom Bahnhof weg dann vollgestopft wie die Tokioter S-Bahn zur Rush-Hour.
Aber auch wenn man sich gegen die BSAG entscheidet und das Fahrrad nutzt, dann schlägt einem die Welle der Freundlichkeit mitten in die Fresse. Die Besucher rennen kreuz und quer über den Bahnhofplatz und blockieren teilweise auch den Radweg, den ich auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit nutze. Doch kaum wird der Fehler bemerkt, nach gefühlten 100 Betätigungen der Fahrradklingel, dann drehen sie sich um, machen Platz und entschuldigen sich für Ihre Unachtsamkeit.
Freundlichkeit am Arsch. Mir wäre es lieber wenn die Besucher sich zumindest ansatzweise an die Verkehrsregeln halten würde und ich ungestört zur Arbeit radeln kann. Denn da habe ich meine Ruhe. Keine Chöre, keine Blaskapelle nur nervige Mobilfunkkunden, die man aber schon kennt.
In Bremen zu wohnen und dort seinen Alltag erleben zu müßen ist zumindest in diesen Tagen die Hölle. Ich will hier nur noch weg. Das Motto des Kirchentages heißt: Mensch, wo bist Du?

Hoffentlich bald wieder weg!